Justin Vaisse, "Anonymous Sources", Message 3/2003 (Universitätsverlag Konstanz), July 2003. German version.

 

"Aus anonymen Quellen"

 

Selbst in der NYT wurden unhaltbare Behauptungen über französische Irak-Geschäfte verreitet: Haben sich die Medien für eine Verleumdungskampagne der US-Regierung missbrauchen lassen?

 

von Justin Vaisse

 

 

Am 15. Mai 2003 entschloss sich der französische Botschafter in den USA zu einem ungewöhnlichen Schritt: In einem offenen Brief an Regierungsbeamte und Kongressmitglieder beschwerte er sich über die Verbreitung von Falschmeldungen über Frankreich.

Ein Artikel der Washington Post vom gleichen Tag machte einer breiten Öffentlichkeit deutlich, dass es dem Botschafter nicht um die blühende Fantasie einiger Journalisten ging. Er beklagte die Existenz einer »organisierten Desinformationskampagne« der Bush-Administration – insbesondere der zivilen Hardliner aus dem Dunstkreis des Pentagon. Natürlich bestritten Regierungsvertreter die Anschuldigungen und taten sie belustigt als »kompletten Unsinn« ab.

Wer sagt also die Wahrheit? Die Presse-Kampagne war zweifellos Teil des Frankreich-Bashings und der »Frankophobie« im Zusammenhang mit der Opposition Frankreichs gegen eine Invasion des Irak.

Französische Produkte wurden boykottiert, in der Cafeteria des Repräsentantenhauses hießen die »french fries« nun »freedom fries«, und abstoßende Klischees über die »cheese-eating surrender monkeys« machten die Runde – kein anderes demokratisches Land wurde in den vergangenen Jahren so hart angegangen. Doch stammten die Beschuldigungen, die in der Presse auftauchten, wirklich aus Regierungskreisen?

Prüfen wir die Beweislage. Der Brief des Botschafters bezieht sich auf acht Behauptungen zwischen September 2002 und Mai 2003, auf die die Pressestelle der französischen Botschaft jeweils mit Dementis und detaillierten Richtigstellungen reagierte. Am 15. September 2002 behauptete die New York Times, Frankreich und Deutschland hätten den Irak mit Präzisionsschaltern für Nuklearwaffen beliefert. Am 5. November unterstellte die Washington Post, Frankreich sei ebenso wie Russland, Irak und Nordkorea entgegen der WHO-Bestimmungen im Besitz von Pockenviren.

 

Verkauf von Waffen

Danach kam die Sache erst richtig ins Rollen: Am 7. März behauptete Bill Gertz von der konservativen Washington Times, Frankreich habe Flugzeug- und Hubschrauberersatzteile an den Irak verkauft. Wenig später, am 13. März, brachte der konservative New York Times-Kolumnist William Safire Frankreich mit einem komplizierten Deal in Verbindung, bei dem ein französischer Vermittler dem Irak – auf dem Umweg über Syrien – beim Erwerb von chemischen Komponenten für Missiles geholfen haben soll (siehe auch New York Times vom 20.3. und 24.4.2002).

Anfang April, nach Beginn des Krieges, beschuldigte der republikanische Abgeordnete Joe Scarborough Frankreich auf MSNBC, dem Irak »Flugzeuge, Missiles, bewaffnete Fahrzeuge, Radarausstattungen und Ersatzteile für irakische Kampfflugzeuge« zu verkaufen.

Am 21. April berichtete Newsweek von der »möglichen« Entdeckung französischer Roland 2 Missiles im Irak, die 2002 hergestellt worden seien. (Die Produktion der Roland 2 wurde 1993 eingestellt.).

 

Keine Belege

Im Laufe des Monats Mai schließlich veröffentlichte Bill Gertz in der Washington Times weitere Anschuldigungen gegen Frankreich. Auf der Ausgabe vom 6. Mai prangte der Aufmacher: »Frankreich verhalf Irakern mit Pässen zur Flucht«. Der Artikel beschuldigte die französische Regierung, irakischen höheren Beamten durch die Ausstellung von Pässen die Flucht erleichtert zu haben. Obwohl die französische Botschaft die Geschichte dementierte, und obwohl US-Regierungsoffizielle, wenn auch reichlich spät, erklärten, dass sie keinerlei Belege hätten, bezog sich Bill Gertz in den folgenden Tagen immer wieder auf diesen angeblichen »Skandal« – insbesondere nachdem der Vorsitzende des House Judiciary Committee, James Sensenbrenner, eine Untersuchung gefordert und vorgeschlagen hatte, Frankreich von jenem US-Programm auszunehmen, das es Touristen aus wohlhabenden Staaten erlaubt, ohne Visum einzureisen.

Am 24. Mai konnte man einer weiteren Schlagzeile auf der Titelseite der Washington Times entnehmen, dass Angehörige des US-Geheimdienstes im Irak französische Pässe gefunden hätten.

Wie auch der französische Botschafter Jean-David Lévitte in seinem Beschwerdebrief feststellt, stüzten sich viele dieser Anschuldigungen auf Informationen, die von »anonymen Regierungsmitgliedern«, namentlich nicht genannten »Beamten aus dem Verteidigungsministerium« oder »US-Geheimdienstquellen« weitergegeben wurden.

Die Existenz solcher Leaks oder undichten Stellen sind selten eine Erfindung des Reporters, sondern in Washington ein vertrautes Phänomen. Ebenso bekannt ist, dass Leaks einem bestimmten Interesse dienen – entweder dem der Regierung, wenn sie inoffiziell Informationen verbreiten möchte, oder Teilen der Regierung als Waffe in einer internen Auseinandersetzung beispielsweise zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium.

 

Einfacher Gegencheck

Trotz gewisser Ähnlichkeiten lassen sich die Zeitungsartikel in drei Kategorien aufteilen.

Die Vorwürfe von Bill Gertz in der Washington Times beispielsweise wurden in seriösen  Zeitungen wie der New York Times, der Washington Post oder der Financial Times nicht aufgegriffen – wahrscheinlich deshalb, weil schon der einfachste journalistische Gegencheck ergab, dass die Anschuldigungen keine Substanz besaßen.

Bill Gertz, dem gute Verbindungen zum Geheimdienst nachgesagt werden, gelingen immer wieder Scoops, die auf durchgesickerten Informationen beruhen. Manche davon erweisen sich als wahr – manche als unwahr.

Ein weiteres Indiz für ein gewisses Glaubwürdigkeitsdefizit ist die schwache innere Logik seiner Texte. Der Artikel vom 24. Mai beispielsweise beginnt mit der Behauptung, die in seinem Bericht vom 6. Mai erwähnten französischen Pässe seien nun gefunden worden. Danach erwähnt Gertz das französische Dementi, dann Powells Reise nach Paris, die mit der Geschichte in keinerlei Zusammenhang steht. Weiter berichtet er vom Ergebnis einer Untersuchung des Department of Homeland Security, das die Story als unzutreffend einstuft und zu dem Schluss kommt, dass diese Pässe nicht existieren. Dann spekuliert er, warum Pässe gefunden wurden (sie könnten aus Plünderungen stammen oder gefälscht worden sein).

Schließlich fasst er nochmals sämtliche Vorwürfe zusammen, die Frankreich in die Nähe Saddams rücken – einschließlich jener, die von William Safire erhoben wurden. Die entsprechenden Dementis läßt er allerdings weg. Selbst der geneigteste Leser könnte an diesem Punkt nicht mehr ganz folgen und würde darauf schließen, dass der Artikel nicht allzu ernst zu nehmen sei.

 

Unmöglicher Zustand

Die Behauptungen William Safires in der New York Times gehören in eine andere Kategorie. Seine Kolumnen sind Teil der editorialen Seiten, und das bedeutet: Wenn an dieser Stelle Tatsachenbehauptungen statt Analysen gebracht werden und diese Tatsachenbehauptungen sich als falsch erweisen, druckt die Zeitung keine Richtigstellung. Eine Gegenposition wird höchstens als »Letter to the Editor« veröffentlicht, ganz so, als handele es sich um eine Frage der Auffassung und nicht um Fakten.

Dieser unmögliche Zustand erlaubt es den Kolumnisten von Amerikas renommiertester Zeitung, zu jedem Thema zu schreiben was immer ihnen einfällt – einerlei, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht. Und William Safire wird auch die fadenscheinigste Information nutzen, sofern sie nur seine anti-französische Haltung bestätigt.

In die dritte Katagorie fallen ernstzunehmendere Artikel wie die beiden ersten auf unserer Liste anti-französischer Veröffentlichungen. Es sind Artikel aus der New York Times und der Washington Post – Blätter, die im Allgemeinen ihre Fehler eingestehen, detaillierte Dementis drucken und diese in späteren Artikeln berücksichtigen.

Selbst bei den Artikeln dieser Kategorie fällt es schwer, nicht zu dem Schluss zu kommen, dass tatsächlich eine hartnäckige, gegen Frankreich gerichtete Desinformationskampagne im Gange ist, die von Kreisen der Geheimdienste und der Verteidigung gelenkt wird. Je nach professionellem Standard nutzen Journalisten diese Leaks oder nicht – und verbreiten Informationen ungeprüft oder nicht.

 

Auf Kurs gezwungen

Es stellen sich zwei Fragen. Erstens: Wie »organisiert« war die Kampagne und auf welcher Ebene? Zweitens: Was war die Motivation, die dahinter steckte?

Ältere Vorfälle, bei denen Informationen durch »undichte Stellen« gestreut wurden, zeigen: Höhere Beamte sind nur selten mit solchen Vorgängen in Verbindung zu bringen – vielleicht, weil für sie der Schuß nach hinten losgehen könnte, vielleicht, weil deren Untergebene den ersten Schritt von sich aus oder nach vagen Ermunterungen »von oben« getan haben.

Der Widerwillen der US-Regierung, antifranzösische Anschuldigungen zu dementieren, von deren Haltlosigkeit sie wußte (besonders im Falle der Pässe), zeigt jedenfalls, dass man nicht unglücklich war über die brodelnde Gerüchteküche.

Dies alles muss man im Zusammenhang mit der zügellosen Frankreich-Hetze sehen, die 2002 begann und im Winter und Frühjahr 2003 ihren Höhepunkt erreichte. Teile der Regierung hatten »die französische Karte« gezogen. Indem man das Land als treibende Kraft eines Anti-Amerikanismus hinstellte und ihm langjährige Komplizenschaft mit Saddam Hussein vorwarf, fachte man den Patriotismus an und zwang die Opposition auf Kurs.

Die Demokraten und einige republikanische Abweichler wurden von der Regierung als »Franzosen« geschmäht – oder, wie im Falle von Senator Kerry, als »französisch aussehend«. (Washington Post, 25.4.2003)

Unterstützt wurde diese Kampagne von Journalisten wie Bill Gertz und William Safire, die den Pro-Kriegs-Kurs mittrugen und demselben politischen Lager angehörten.

Auch der Medienmogul Rupert Murdoch schlug in dieselbe Kerbe. Sein Imperium reicht vom Fox News Network über das Weekly Standard-Magazin und das Boulevard-Blatt New York Post bis hin zu dessen britischen Gegenstück The Sun. Es war die einheitliche Linie aller Murdoch-Publikationen, einen Krieg gegen den Irak zu unterstützen und mit Klischees und Beleidigungen gegen Frankreich zu hetzen.

Und dies alles ist mindestens in einer Hinsicht wichtig: Mag auch kaum jemand die Washington Times lesen, so gehört Fox News doch zu den populärsten US-Sendern. Und Fox News kolportierte unablässig die in der Washington Times und anderen Blättern vorgebrachten Unterstellungen und behandelte sie als Fakten. Dass dies ohne Wirkung blieb, wird niemand behaupten wollen, und das ramponierte Image Frankreichs litt durch diese Art von Publicity nochmals beträchtlich.

 

Mehr Skepsis

Dies führt uns zurück zum Beschwerdebrief des französichen Botschafters. War es ein kluger Schachzug, die antifranzösische Kampagne zu skandalisieren? Konnte er damit der Flut von Falschinformationen Einhalt gebieten?

Der aufsehenerregende Schritt des Botschafters sorgte dafür, dass alle Behauptungen nochmals gedruckt und gelesen wurden, und zwar diesmal in respektablen Zeitungen. Dies wäre als negativ zu verbuchen. Sich gegen anonyme Quellen zur Wehr zu setzen ist allerdings immer eine schwierige Angelegenheit.

Doch durch diesen Brief konnten die bisherigen Falschmeldungen förmlich zurückgewiesen werden, und alle weiteren werden künftig mit mehr Skepsis aufgenommen werden.

Noch wichtiger jedoch war der Brief als Zeichen an die französisch-amerikanische Gemeinde, die sich dem Vorwurf gegenübersah, den USA in den Rücken zu fallen. Und als Zeichen an alle, die den französischen Standpunkt teilten, dass nämlich Frankreich als alter Verbündeter der USA keineswegs jenes heimtückische Land war, als das einige Amerikaner es zu zeichnen versuchten – auch wenn es in einer wichtigen politischen Frage anderer Auffassung war.