Selbst
in der NYT wurden unhaltbare Behauptungen über französische Irak-Geschäfte
verreitet: Haben sich die Medien für eine Verleumdungskampagne der US-Regierung
missbrauchen lassen?
von
Justin Vaisse
Am
15. Mai 2003 entschloss sich der französische Botschafter in den USA zu einem
ungewöhnlichen Schritt: In einem offenen Brief an Regierungsbeamte und
Kongressmitglieder beschwerte er sich über die Verbreitung von Falschmeldungen
über Frankreich.
Ein
Artikel der Washington Post vom gleichen Tag machte einer breiten
Öffentlichkeit deutlich, dass es dem Botschafter nicht um die blühende Fantasie
einiger Journalisten ging. Er beklagte die Existenz einer »organisierten
Desinformationskampagne« der Bush-Administration – insbesondere der zivilen
Hardliner aus dem Dunstkreis des Pentagon. Natürlich bestritten
Regierungsvertreter die Anschuldigungen und taten sie belustigt als »kompletten
Unsinn« ab.
Wer
sagt also die Wahrheit? Die Presse-Kampagne war zweifellos Teil des
Frankreich-Bashings und der »Frankophobie« im Zusammenhang mit der Opposition
Frankreichs gegen eine Invasion des Irak.
Französische
Produkte wurden boykottiert, in der Cafeteria des Repräsentantenhauses hießen
die »french fries« nun »freedom fries«, und abstoßende Klischees über die
»cheese-eating surrender monkeys« machten die Runde – kein anderes
demokratisches Land wurde in den vergangenen Jahren so hart angegangen. Doch
stammten die Beschuldigungen, die in der Presse auftauchten, wirklich aus
Regierungskreisen?
Prüfen
wir die Beweislage. Der Brief des Botschafters bezieht sich auf acht
Behauptungen zwischen September 2002 und Mai 2003, auf die die Pressestelle der
französischen Botschaft jeweils mit Dementis und detaillierten
Richtigstellungen reagierte. Am 15. September 2002 behauptete die New York
Times, Frankreich und Deutschland hätten den Irak mit Präzisionsschaltern für
Nuklearwaffen beliefert. Am 5. November unterstellte die Washington Post,
Frankreich sei ebenso wie Russland, Irak und Nordkorea entgegen der
WHO-Bestimmungen im Besitz von Pockenviren.
Verkauf
von Waffen
Danach
kam die Sache erst richtig ins Rollen: Am 7. März behauptete Bill Gertz von der
konservativen Washington Times, Frankreich habe Flugzeug- und
Hubschrauberersatzteile an den Irak verkauft. Wenig später, am 13. März,
brachte der konservative New York Times-Kolumnist William Safire Frankreich mit
einem komplizierten Deal in Verbindung, bei dem ein französischer Vermittler
dem Irak – auf dem Umweg über Syrien – beim Erwerb von chemischen Komponenten
für Missiles geholfen haben soll (siehe auch New York Times vom 20.3. und
24.4.2002).
Anfang
April, nach Beginn des Krieges, beschuldigte der republikanische Abgeordnete
Joe Scarborough Frankreich auf MSNBC, dem Irak »Flugzeuge, Missiles, bewaffnete
Fahrzeuge, Radarausstattungen und Ersatzteile für irakische Kampfflugzeuge« zu
verkaufen.
Am
21. April berichtete Newsweek von der »möglichen« Entdeckung französischer
Roland 2 Missiles im Irak, die 2002 hergestellt worden seien. (Die Produktion
der Roland 2 wurde 1993 eingestellt.).
Keine
Belege
Im
Laufe des Monats Mai schließlich veröffentlichte Bill Gertz in der Washington
Times weitere Anschuldigungen gegen Frankreich. Auf der Ausgabe vom 6. Mai
prangte der Aufmacher: »Frankreich verhalf Irakern mit Pässen zur Flucht«. Der
Artikel beschuldigte die französische Regierung, irakischen höheren Beamten
durch die Ausstellung von Pässen die Flucht erleichtert zu haben. Obwohl die
französische Botschaft die Geschichte dementierte, und obwohl
US-Regierungsoffizielle, wenn auch reichlich spät, erklärten, dass sie
keinerlei Belege hätten, bezog sich Bill Gertz in den folgenden Tagen immer
wieder auf diesen angeblichen »Skandal« – insbesondere nachdem der Vorsitzende
des House Judiciary Committee, James Sensenbrenner, eine Untersuchung gefordert
und vorgeschlagen hatte, Frankreich von jenem US-Programm auszunehmen, das es
Touristen aus wohlhabenden Staaten erlaubt, ohne Visum einzureisen.
Am
24. Mai konnte man einer weiteren Schlagzeile auf der Titelseite der Washington
Times entnehmen, dass Angehörige des US-Geheimdienstes im Irak französische
Pässe gefunden hätten.
Wie
auch der französische Botschafter Jean-David Lévitte in seinem Beschwerdebrief
feststellt, stüzten sich viele dieser Anschuldigungen auf Informationen, die
von »anonymen Regierungsmitgliedern«, namentlich nicht genannten »Beamten aus
dem Verteidigungsministerium« oder »US-Geheimdienstquellen« weitergegeben
wurden.
Die
Existenz solcher Leaks oder undichten Stellen sind selten eine Erfindung des
Reporters, sondern in Washington ein vertrautes Phänomen. Ebenso bekannt ist,
dass Leaks einem bestimmten Interesse dienen – entweder dem der Regierung, wenn
sie inoffiziell Informationen verbreiten möchte, oder Teilen der Regierung als
Waffe in einer internen Auseinandersetzung beispielsweise zwischen dem Außen-
und dem Verteidigungsministerium.
Einfacher
Gegencheck
Trotz
gewisser Ähnlichkeiten lassen sich die Zeitungsartikel in drei Kategorien
aufteilen.
Die
Vorwürfe von Bill Gertz in der Washington Times beispielsweise wurden in
seriösen Zeitungen wie der New York
Times, der Washington Post oder der Financial Times nicht aufgegriffen –
wahrscheinlich deshalb, weil schon der einfachste journalistische Gegencheck
ergab, dass die Anschuldigungen keine Substanz besaßen.
Bill
Gertz, dem gute Verbindungen zum Geheimdienst nachgesagt werden, gelingen immer
wieder Scoops, die auf durchgesickerten Informationen beruhen. Manche davon
erweisen sich als wahr – manche als unwahr.
Ein
weiteres Indiz für ein gewisses Glaubwürdigkeitsdefizit ist die schwache innere
Logik seiner Texte. Der Artikel vom 24. Mai beispielsweise beginnt mit der
Behauptung, die in seinem Bericht vom 6. Mai erwähnten französischen Pässe
seien nun gefunden worden. Danach erwähnt Gertz das französische Dementi, dann
Powells Reise nach Paris, die mit der Geschichte in keinerlei Zusammenhang
steht. Weiter berichtet er vom Ergebnis einer Untersuchung des Department of
Homeland Security, das die Story als unzutreffend einstuft und zu dem Schluss
kommt, dass diese Pässe nicht existieren. Dann spekuliert er, warum Pässe
gefunden wurden (sie könnten aus Plünderungen stammen oder gefälscht worden sein).
Schließlich
fasst er nochmals sämtliche Vorwürfe zusammen, die Frankreich in die Nähe
Saddams rücken – einschließlich jener, die von William Safire erhoben wurden.
Die entsprechenden Dementis läßt er allerdings weg. Selbst der geneigteste
Leser könnte an diesem Punkt nicht mehr ganz folgen und würde darauf schließen,
dass der Artikel nicht allzu ernst zu nehmen sei.
Unmöglicher
Zustand
Die
Behauptungen William Safires in der New York Times gehören in eine andere
Kategorie. Seine Kolumnen sind Teil der editorialen Seiten, und das bedeutet:
Wenn an dieser Stelle Tatsachenbehauptungen statt Analysen gebracht werden und
diese Tatsachenbehauptungen sich als falsch erweisen, druckt die Zeitung keine
Richtigstellung. Eine Gegenposition wird höchstens als »Letter to the Editor«
veröffentlicht, ganz so, als handele es sich um eine Frage der Auffassung und
nicht um Fakten.
Dieser
unmögliche Zustand erlaubt es den Kolumnisten von Amerikas renommiertester
Zeitung, zu jedem Thema zu schreiben was immer ihnen einfällt – einerlei, ob es
der Wahrheit entspricht oder nicht. Und William Safire wird auch die
fadenscheinigste Information nutzen, sofern sie nur seine anti-französische
Haltung bestätigt.
In
die dritte Katagorie fallen ernstzunehmendere Artikel wie die beiden ersten auf
unserer Liste anti-französischer Veröffentlichungen. Es sind Artikel aus der
New York Times und der Washington Post – Blätter, die im Allgemeinen ihre
Fehler eingestehen, detaillierte Dementis drucken und diese in späteren
Artikeln berücksichtigen.
Selbst
bei den Artikeln dieser Kategorie fällt es schwer, nicht zu dem Schluss zu
kommen, dass tatsächlich eine hartnäckige, gegen Frankreich gerichtete
Desinformationskampagne im Gange ist, die von Kreisen der Geheimdienste und der
Verteidigung gelenkt wird. Je nach professionellem Standard nutzen Journalisten
diese Leaks oder nicht – und verbreiten Informationen ungeprüft oder nicht.
Auf
Kurs gezwungen
Es
stellen sich zwei Fragen. Erstens: Wie »organisiert« war die Kampagne und auf
welcher Ebene? Zweitens: Was war die Motivation, die dahinter steckte?
Ältere
Vorfälle, bei denen Informationen durch »undichte Stellen« gestreut wurden,
zeigen: Höhere Beamte sind nur selten mit solchen Vorgängen in Verbindung zu
bringen – vielleicht, weil für sie der Schuß nach hinten losgehen könnte,
vielleicht, weil deren Untergebene den ersten Schritt von sich aus oder nach
vagen Ermunterungen »von oben« getan haben.
Der
Widerwillen der US-Regierung, antifranzösische Anschuldigungen zu dementieren,
von deren Haltlosigkeit sie wußte (besonders im Falle der Pässe), zeigt
jedenfalls, dass man nicht unglücklich war über die brodelnde Gerüchteküche.
Dies
alles muss man im Zusammenhang mit der zügellosen Frankreich-Hetze sehen, die
2002 begann und im Winter und Frühjahr 2003 ihren Höhepunkt erreichte. Teile
der Regierung hatten »die französische Karte« gezogen. Indem man das Land als
treibende Kraft eines Anti-Amerikanismus hinstellte und ihm langjährige
Komplizenschaft mit Saddam Hussein vorwarf, fachte man den Patriotismus an und
zwang die Opposition auf Kurs.
Die
Demokraten und einige republikanische Abweichler wurden von der Regierung als
»Franzosen« geschmäht – oder, wie im Falle von Senator Kerry, als »französisch
aussehend«. (Washington Post, 25.4.2003)
Unterstützt
wurde diese Kampagne von Journalisten wie Bill Gertz und William Safire, die
den Pro-Kriegs-Kurs mittrugen und demselben politischen Lager angehörten.
Auch
der Medienmogul Rupert Murdoch schlug in dieselbe Kerbe. Sein Imperium reicht
vom Fox News Network über das Weekly Standard-Magazin und das Boulevard-Blatt
New York Post bis hin zu dessen britischen Gegenstück The Sun. Es war die
einheitliche Linie aller Murdoch-Publikationen, einen Krieg gegen den Irak zu
unterstützen und mit Klischees und Beleidigungen gegen Frankreich zu hetzen.
Und
dies alles ist mindestens in einer Hinsicht wichtig: Mag auch kaum jemand die
Washington Times lesen, so gehört Fox News doch zu den populärsten US-Sendern.
Und Fox News kolportierte unablässig die in der Washington Times und anderen
Blättern vorgebrachten Unterstellungen und behandelte sie als Fakten. Dass dies
ohne Wirkung blieb, wird niemand behaupten wollen, und das ramponierte Image
Frankreichs litt durch diese Art von Publicity nochmals beträchtlich.
Mehr
Skepsis
Dies
führt uns zurück zum Beschwerdebrief des französichen Botschafters. War es ein
kluger Schachzug, die antifranzösische Kampagne zu skandalisieren? Konnte er
damit der Flut von Falschinformationen Einhalt gebieten?
Der
aufsehenerregende Schritt des Botschafters sorgte dafür, dass alle Behauptungen
nochmals gedruckt und gelesen wurden, und zwar diesmal in respektablen
Zeitungen. Dies wäre als negativ zu verbuchen. Sich gegen anonyme Quellen zur
Wehr zu setzen ist allerdings immer eine schwierige Angelegenheit.
Doch
durch diesen Brief konnten die bisherigen Falschmeldungen förmlich
zurückgewiesen werden, und alle weiteren werden künftig mit mehr Skepsis
aufgenommen werden.
Noch
wichtiger jedoch war der Brief als Zeichen an die französisch-amerikanische
Gemeinde, die sich dem Vorwurf gegenübersah, den USA in den Rücken zu fallen.
Und als Zeichen an alle, die den französischen Standpunkt teilten, dass nämlich
Frankreich als alter Verbündeter der USA keineswegs jenes heimtückische Land
war, als das einige Amerikaner es zu zeichnen versuchten – auch wenn es in
einer wichtigen politischen Frage anderer Auffassung war.